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„Es ist beeindruckend, mit welcher Motivation Menschen mit Querschnittlähmung wieder arbeiten wollen“

Interview mit Pirmin Wolfisberg - Job Coach bei ParaWork

Pirmin Wolfisberg

Pirmin Wolfisberg

Pirmin Wolfisberg ist ausgebildeter Sozialarbeiter mit mehrjähriger Berufserfahrung in der Wirtschaftlichen Sozialhilfe und als Eingliederungsberater bei der IV. Seit 2017 ist er bei ParaWork als Job Coach tätig.

Herr Wolfisberg, als Job Coach unterstützen Sie Personen mit Querschnittlähmung bei der beruflichen Integration. Was genau umfasst das Job Coaching eigentlich?

Unser Job Coaching beginnt erst nach Austritt der Patienten aus der Erstrehabilitation. Schon während der Erstrehabilitation finden bereits viele berufsspezifische Abklärungen und Trainings durch ParaWork statt. Darauf aufbauend beginnt dann unser Coaching: Wir möchten den Betroffenen gute Bedingungen für ihren Wiedereinstieg in den Beruf schaffen und eine professionelle Beratung bieten. Das beginnt mit koordinierenden Gesprächen zwischen Arbeitnehmer, Arbeitgeber und Versicherungen: Wir legen zusammen fest, welche Tätigkeiten die Person genau übernimmt, an welchen Tagen und wie viel sie arbeitet, ob eine Schulung nötig ist u.s.w. Ich schaue aber auch, ob der Arbeitsplatz mit dem Rollstuhl überhaupt zugänglich ist oder ob es weitere Anpassungen durch Ergotherapie oder Fachstellen für hindernisfreies Bauen bräuchte. Zentral sind auch die Abklärungen mit den Sozialversicherungen im Hinblick auf ein stimmiges Verhältnis zwischen Erwerbsarbeit und Versicherungsleistungen.

Als Job Coach muss ich stets alle Systempartner im Blick haben und eine Art Vermittlerrolle einnehmen. In vielen Situationen kann das bestehende Arbeitsverhältnis sichergestellt werden, manche Personen brauchen zunächst Qualifizierungsmassnahmen, andere müssen sich beruflich neu orientieren. Wir unterstützen sie bei der Aus- oder Weiterbildung und auch beim anschliessenden Berufseinstieg. Die Begleitung des Eingliederungsprozess kann von wenigen Monaten bis zu einigen Jahren dauern. Es ist wirklich beeindruckend, mit welcher Motivation die Betroffenen wieder arbeiten wollen.

In welchen Fällen versuchen Sie Personen wieder beim bisherigen Arbeitgeber zu integrieren? In welchen Fällen wird ein neuer Arbeitgeber gesucht?

In den meisten Fällen können die Personen einen sogenannten „therapeutischen Arbeitsversuch“ beim bisherigen Arbeitgeber absolvieren. Das ist ein erstes „Schnuppern“ und umfasst zum Beispiel 2 x 2 Stunden. Mehrheitlich können die Betroffenen dann auch wieder mit einer geregelten Erwerbstätigkeit beginnen. Dies kann unter Umständen die gleiche Tätigkeit wie vorher sein, oder auch eine angepasste Tätigkeit, in einer anderen Abteilung. Es kommt sehr darauf an, welche Tätigkeiten die Person vor dem Ereignis ausgeübt hat und wie gross ihre körperliche Beeinträchtigung ist. Oft arbeiten die Personen aber im gleichen oder einem ähnlichen Bereich weiter. Personen, die vorher eine Büroarbeit hatten, bleiben meist auch im Büro. Ein Schreiner hingegen kann beispielsweise in der Qualitätskontrolle eingesetzt oder auf die Führung einer Maschine umgeschult werden. Ein Maurer kann eine Ausbildung zum Bauführer machen.

Es gibt aber auch Situationen, bei denen ein komplett neuer Weg mit anderen Berufsbildern und auch neuen Arbeitgebern eingeschlagen werden muss. Ein Dachdecker wird mit einer Querschnittlähmung in der Regel nicht mehr aufs Dach steigen. Ist sein angestammter Betrieb klein und beschäftigt nur wenige Mitarbeiter, dann kann diese Person möglicherweise nicht umplatziert werden. In solchen Fällen ist eine umfassende Berufsberatung angebracht. Schon während der Erstrehabilitation werden die Betroffenen durch die Berufsberatung sensibilisiert und neue berufliche Möglichkeiten werden aufgezeigt. Nicht selten reift die Idee der beruflichen Entwicklung auch erst nach Austritt aus der Erstrehabilitation.

Zu welchem Zeitpunkt kann das Job Coaching abgeschlossen werden?

Im Idealfall ist unsere Arbeit als Job Coach beendet, wenn die betroffene Person wieder nach ihren Möglichkeiten und Vorstellungen arbeiten kann und die Leistungen der Sozialversicherungen aufgegleist sind.

Die Resultate der SwiSCI Studie liefern Hinweise darauf, dass Betroffene nach der Erstrehabilitation in den Arbeitsprozess zurückkehren, aber nach einer gewissen Zeit wieder aus dem Job ausscheiden. Was sind Ihrer Meinung nach Gründe dafür?

Die Gründe sind vielfältig. Eines der zentralen Probleme ist, dass Personen den körperlichen Anforderungen des Jobs nicht gewachsen sind. Dadurch werden die vereinbarten Leistungen nicht erbracht, was zu Frustration und Überforderung führt und einen Arbeitsverlust mit sich bringen kann. Aber auch eine betriebliche Restrukturierung kann dies bewirken, wie zum Beispiel ein Wechsel des Geschäftsführers: Empfindet der bisherige Chef noch eine soziale Verantwortung dem Betroffenen gegenüber, so kann diese Verbundenheit mit der neuen Leitung fehlen. Es können aber auch zwischenmenschliche Unstimmigkeiten, ein zu langer Arbeitsweg oder gesundheitliche Gründe sein, die zu einem Ausscheiden führen.

Während des Job Coachings versuchen wir, diese Situationen aufzufangen. Zu einem späteren Zeitpunkt ist die Schweizer Paraplegiker-Vereinigung mit ihrer Lebensberatung ein wichtiger Ansprechpartner für berufliche Probleme.

Wie sind die ersten Reaktionen der Arbeitgeber, wenn die Personen wieder in den Betrieb zurückkehren?

Ich bin immer wieder aufs Neue überrascht, wie offen und entgegenkommend die meisten Arbeitgeber sind. Sie versuchen alles zu ermöglichen, damit die betroffene Person weiter im Betrieb verbleiben kann, sei es durch Schaffung eines rollstuhlgängigen Arbeitsplatzes oder durch Umstrukturierung von Aufgaben und Funktionen. Wenn die Person nach der Erstrehabilitation zum ersten Mal wieder in den Betrieb kommt, sind die Begegnungen mit den Arbeitskollegen oft sehr herzlich und bewegend.

Was raten Sie Betroffenen, um langfristig zufrieden und produktiv bei der Arbeit zu sein?

Auf die Gesundheit zu achten halte ich für sehr wichtig. Mit einer Querschnittlähmung sind die Risiken für bestimmte Begleiterkrankungen recht hoch und bedürfen spezieller Präventions- und Behandlungsmassnahmen. Ich denke hier beispielsweise an Druckstellen, Infektionen oder Schmerzen. Pflege, Therapie, Entlastung und Mobilität beanspruchen viele Ressourcen. Entsprechend hoch ist der zeitliche Mehraufwand dafür. Dies muss bei einer Erwerbstätigkeit immer mit bedacht werden. Viele Menschen muss ich zu Beginn fast etwas „bremsen“, weil sie am liebsten sehr schnell wieder ein hohes Pensum arbeiten möchten. Das kann aber bald zu Überforderung und Unzufriedenheit führen. Und wenn es zu gesundheitlichen Rückschlägen kommt, dann leidet auch die Arbeitssituation. Ein Dekubitus, der stationär behandelt werden muss, ist oft mit einer langen Ausfallzeit verbunden.

Deshalb rate ich gerade zu Beginn, sich auf ein Pensum zu einigen, das man in der neuen Lebenssituation auch wirklich bewältigen kann. Zur Zufriedenheit und zum Erfolg im Job gehört aber auch eine erfüllende Freizeitgestaltung, je nach den eigenen Interessen, sei es Sport, ein Vereinsleben oder eine künstlerische Tätigkeit. Eine gute „Work-Life-Balance“ zu haben ist ja für alle Personen wichtig, ob mit oder ohne Querschnittlähmung.

Herr Wolfisberg, herzlichen Dank für dieses Interview!

Tags: Arbeit, Erwerbstätigkeit , Wiedereingliederung

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