SwiSCI
Swiss Spinal Cord Injury Cohort Study
Schweizer Kohortenstudie für Menschen mit Rückenmarksverletzungen

Schmerzen behandeln - Therapiemöglichkeiten am Zentrum für Schmerzmedizin Nottwil

Schmerzen behandeln - Therapiemöglichkeiten am Zentrum für Schmerzmedizin Nottwil

Schmerzen behandeln - Therapiemöglichkeiten am Zentrum für Schmerzmedizin Nottwil

1998 gründete Guido A. Zäch am Schweizer Paraplegiker-Zentrum in Nottwil das Zentrum für Schmerzmedizin (ZSM). Sowohl Menschen mit Querschnittlähmung als auch Fussgänger mit chronischen Schmerzen können sich am ZSM behandeln lassen. Mittlerweile zählt es zu den führenden Schmerzinstitutionen Europas.

Das ZSM vereint elf Fachdisziplinen, denn "chronische Schmerzen müssen an mehreren Stellen gleichzeitig therapiert werden", so der leitende Neurologe Gunther Landmann. Betroffene leiden nicht nur an den rein körperlichen Symptomen. Schmerzen drücken ebenso auf die Stimmung, stören das Familien- und Sozialleben und haben einen Einfluss am Arbeitsplatz. Deshalb arbeiten am ZSM verschiedene Fachexperten, wie Anästhesiologen, Neurologen, Psychologen, Physiotherapeuten und Sozialarbeiter Hand in Hand zusammen.

"Pille nehmen und fertig" – Das funktioniert nicht!

Die Schmerzsituation der querschnittgelähmten Patienten am ZSM ist häufig hoch komplex und lässt sich nicht einfach mit einem einzigen Medikament behandeln. Häufig spielt der Nervenschmerz bei Menschen mit Querschnittlähmung die entscheidende Rolle. Gunther Landmann erklärt, dass Nerven wie ein Elektrokabel funktionieren. Werden sie durch die Rückenmarksverletzung geschädigt, können sie weiterhin elektrisch reagieren und sich entladen. Dies spüren Patienten dann in Form von einschiessenden Schmerzen auf Höhe oder unterhalb ihrer Läsion.

Gewitter Pixabay
Nervenschmerzen können blitzartig einschiessen

Vielfach kommen weitere Schmerzformen hinzu, wie beispielsweise Muskelschmerzen an Schultern oder Rücken, Spastikschmerzen oder Schmerzen im Unterbauch. Letztere werden meist durch die Funktionsstörungen von Blase oder Darm hervorgerufen.

So vielfältig sich die Schmerzsituation bei den Betroffenen darstellt, so vielfältig sind auch die Therapieformen am ZSM. Sie kombinieren Massnahmen mit unterschiedlichen Wirkungsmechanismen, was langfristig erfolgreicher ist als isolierte Einzelmassnahmen. Dieses Vorgehen wird "multimodale Schmerztherapie" genannt.

Teufelskreis DE1

Teufelskreis Schmerz: Bleiben Schmerzen dauerhaft bestehen, versuchen Betroffene oft, die schmerzenden Stellen zu schonen und ruhigzustellen. Dies bewirkt jedoch einen Abbau von Muskulatur, was weitere Bewegungseinschränkungen zur Folge hat und sogar zu mehr Schmerzen führen kann. Häufig ziehen sich Betroffene dann auch aus ihrem Sozialleben zurück, was die Entstehung von Depressionen fördern kann. Diese können wiederum einen verstärkenden Einfluss auf die Schmerzwahrnehmung haben.

Viele Puzzleteile in der multimodalen Therapie

"Wir kümmern uns darum, dass Betroffene ihrem Körper wieder vertrauen können und keine Angst vor Bewegungen haben", sagt Gunther Landmann. Im Fall von Nervenschmerzen spielen vorwiegend medikamentöse Therapien eine Rolle, um die elektrische Aktivität der Nerven zu dämpfen. Gereizte Nervenwurzeln können beispielsweise mittels eines gespritzten Medikamentes blockiert werden, so dass die Reize aus dieser Region nicht mehr an das Gehirn weitergeleitet werden können.

Lässt sich die Schmerzintensität so auf ein tieferes Niveau senken, können die Patienten aktiv Physiotherapie nutzen, ihre Rumpfstabilität verbessern und Kraft aufbauen. Dies wiederum kann viele Schmerzquellen reduzieren.

Neu finden auch Formen der computergestützten "Virtual Reality" wie "virtuelles Laufen" Eingang in die Therapie neuropathischer Schmerzen. Die betroffene Person sieht sich auf einer Leinwand beim Laufen. Der Sitz bewegt sich zusätzlich und unterstützt die Vorstellung einer Laufbewegung. So wird das Gehirn angeregt, seine sogenannte Körperkarte anzupassen: Jedes Körperteil ist im Gehirn in einem bestimmten Areal abgebildet. Durch die Lähmung können sich diese Areale jedoch verändern und verschieben, was die Nervenschmerzen auslösen kann. Stimuliert man das Gehirn durch virtuelles Laufen, können sich die Areale an ihren ursprünglichen Platz zurückbewegen. Dies hilft dabei, Nervenschmerzen zu reduzieren.

Virtual Walking am Zentrum für Schmerzmedizin NottwilVirtual Walking am Zentrum für Schmerzmedizin Nottwil

Das ZSM bietet ausserdem spezielle Wochenprogramme für Menschen mit Rückenmarksverletzungen an. Betroffene lernen dabei, warum und wie chronische Schmerzen entstehen und welche Behandlungsmethoden es gibt. Das interdisziplinäre Angebot reicht von der ärztlichen Beratung und Schmerzpsychotherapie, über Muskeltraining und Bewegungstherapie, hin zu Verbesserungen in der Haltung und der Sitzposition. Die Teilnehmer probieren zudem diverse Entspannungstechniken aus und können den Umgang mit ihrem Schmerz in Alltagssituationen üben.

Dazu gehört auch die Stärkung positiver Gedanken und Gefühle. Die entsprechenden Übungen beinhalten beispielsweise "drei schöne Erlebnisse des Tages aufschreiben", "Freunde treffen" oder "eine gute Tat vollbringen". Die Grundidee hinter diesen positiv-psychologischen Übungen ist einfach: Schmerzen sind meist mit negativen Gefühlen wie Angst, Wut oder Sorgen verbunden. Bei langanhaltenden Schmerzen treten diese Gefühle immer häufiger auf, die schlechte Stimmung nimmt zu und trägt so wiederum zu einer verstärkten Schmerzwahrnehmung bei. Betroffene können aber lernen, diesen Teufelskreis zu durchbrechen, indem sie sich gezielt auf Positives konzentrieren. Der Schmerz steht dann nicht mehr im Vordergrund und wird weniger wahrgenommen.

Eine frühere SwiSCI Teilstudie aus dem Jahr 2016 zeigte bereits, dass diese Übungen auch Menschen mit Querschnittlähmung helfen können, die Wahrnehmung von Schmerzen zu reduzieren. Dies führte zur Aufnahme der Übungen in das Therapieprogramm am ZSM.

Therapieziel Lebenszufriedenheit

Der Neurologe Gunther Landmann erklärt, dass die Ziele der Schmerztherapie vorrangig die Verbesserung der Lebensqualität und der Schmerzbewältigung sind: "Aus unserer Praxis und aus der Wissenschaft wissen wir, dass sich die Schmerzstärke bei einer Reihe von Menschen mit Querschnittlähmung über viele Jahre kaum verbessert. Wohl aber die Akzeptanz und der Umgang mit dem Schmerz! Wenn wir durch eine ganzheitliche Therapie erreichen, dass die Betroffenen wieder aktiv sind, soziale Kontakte pflegen, rausgehen, besser schlafen und meist gut gelaunt sind, dann sind sie insgesamt viel zufriedener mit ihrem Leben. Und das, obwohl sie weiterhin Schmerzen haben. Geändert haben sich vor allem ihre Strategien, damit umzugehen."

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Die kleinen Dinge im Leben wiederentdecken – Auch das macht zufrieden.

Unterstützt wird dieser Ansatz auch durch eine Auswertung von SwiSCI Daten aus dem aktuellen Jahr. Sie belegt an einer Gruppe von 1064 Studienteilnehmern, dass ihre sogenannten psychosozialen Ressourcen zu einer besseren Stimmung und einem besseren Umgang mit Schmerzen führen. Das heisst, je optimistischer Betroffene sind und von sich selbst überzeugt sind, je mehr Hilfsbereitschaft sie erfahren und je mehr sie in positive soziale Beziehungen eingebunden sind, desto besser können sie mit ihren Schmerzen umgehen, obwohl sich ihre Schmerzintensität nicht verändert. Die Stärkung psychosozialer Ressourcen ist demnach ein zentrales Element in der multimodalen Schmerztherapie.

SwiSCI Host

Schweizer Paraplegiker-Forschung

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Tel.: 0800 794 724 (kostenfrei)

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